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06/26
Wenn die Gedanken kreiseln…
Mila (Name geändert) findet nur schwer in den Schlaf. Ihre Gedanken kreisen um ein einziges Thema: Warum hat sich ihr Mann getrennt? Was hat die andere, mit dem er nun zusammen lebt, was sie nicht hat?
Das Grübeln hält sie auch tagsüber fest im Griff. Plötzlich sind sie da: Die Gedanken, die sie nun schon so oft gedacht hat, die keine Lösung mit sich bringen. Im Gegenteil: Die Grübelschleifen vergrößern den Kummer. Obwohl die Trennung nun schon länger her ist: Die Zeit allein heilt ihre Wunde nicht.
Was könnte Mila helfen, wenn sie professionelle Unterstützung (noch) nicht in Anspruch nehmen möchte? Die Gedanken kehren ja aus guten Gründen immer wieder: Das menschliche Gehirn konzentriert sich auf negative Ereignisse und will uns vor Gefahren zu warnen. Das hat positive und auch negative Folgen. Denn die ständige Frage nach dem „Warum“ erschwert eine zukunftsorientierte Lösung.
Wie kann Mila die Grübelschleifen stoppen und innerlich „aufräumen“?
Mit diesen Fragen befasst sich die Psycho-Hygiene. Der Begriff stammt aus der Verhaltenspsychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und umschreibt alle Maßnahmen, die die seelische Widerstandskraft stärken und Stress abbauen helfen, kurzum: Der seelischen Gesundheit dienen. Menschen, die wie Mila ein seelisches Trauma erlitten haben, stehen unter extremen Stress. Grübelschleifen sind nur ein Symptom von vielen; dazu gehören ebenso Konzentrations- und Schlafprobleme. Hier können einfache, regelmäßige Übungen wie z.B. ein bewußter Tagesabschluss helfen. Denn damit kann man die Gedanken ordnen und leichter in den Schlaf finden.
Der strukturierte Rückblick auf den vergangenen Tag ist eine jahrtausendealte Methode: Bereits die „Goldenen Verse“ der Pythagoräer aus dem antiken Griechenland (4.-6. Jh v.u.Z.) empfehlen die regelmäßige abendliche Selbstreflexion, um mehr Gelassenheit zu entwickeln.
Etwas breiter angelegt ist das „Ignatianische Examen“, entwickelt von Ignatius von Loyola (1491-1576). Es wird auch „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ genannt, mit der das Erlebte des vergangenen Tages gewürdigt wird. In erster Linie ist es ein Gebet. Aber es kann auch Nicht-Gläubigen zu helfen, die Gedanken zu ordnen, Zuversicht zu entwickeln und den Blick auf das Positive zu richten. 10 Minuten am Ende des Tages reichen; wichtiger ist die regelmäßige Praxis.
Das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ besteht aus fünf aufeinanderfolgenden Schritten:
- Wofür bin ich dankbar am Ende dieses Tages?
- Wofür bitte ich um Licht und Klarheit?
- Wie ist dieser Tag verlaufen? Achtung: Nichts bewerten, nur noch vor dem inneren Auge vorbeiziehen lassen!
- Wo habe ich versagt, was hätte ich besser machen können und wie kann ich mich aussöhnen?
- Was brauche ich, um für den kommenden Tag gut gerüstet zu sein
Dieses kurze Abendritual hilft, den Tag in Ruhe zu beschließen. Wer die Antworten schriftlich formulieren möchte, in einer Art Tagebuch, hat noch einen zusätzlichen Gewinn: Denn es entlastet den Kopf, wenn man die Gedanken aufschreibt und Formulierungen findet für das, was noch unklar ist. Das aber ist eine gute Voraussetzung, um sich anderen besser mitteilen zu können. Probieren Sie es einmal aus!
05/26
Wie wirkt EMDR?
„Ich bin maximal verwirrt“, sagt ein Klient nach einer EMDR-Therapie. „Was mich so belastet hat, hat sich vollkommen verändert. Wenn ich daran denke, spüre ich: Es liegt so weit zurück und ich kann es in der Vergangenheit lassen. Es ist so, als ob ich jetzt neu anfangen kann.“
Was der Klient erlebt hat, ist auch für mich als Therapeutin bewegend. Denn es ist mit Hilfe von EMDR tatsächlich möglich, schwere Erinnerungen zu entschärfen. Für Klientinnen fühlt es sich so an, als wäre die Erinnerung an das Schlimme weit weg gerückt. Was statt dessen stärker wird, ist die Gewißheit: Ich habe es geschafft, das Schlimme ist überwunden.
Wie ist das möglich? Für die Betroffenen fühlt es sich ein bisschen an wie Magie. Dabei sind es im Grunde dieselben „magischen“ Kräfte, die auch bei körperlichen Wunden wirken: So wie unsere Selbsthilfekräfte bewirken, dass eine blutende Wunde sich schließen kann, sorgen sie auch für Heilung, wenn unsere Seele verletzt wird. Bei traumatischen Verletzungen ist jedoch meist zusätzliche Hilfe von aussen nötig. Denn diese seelischen Wunden sind so überwältigend, dass unser Gehirn sie nicht wie andere Erinnerungen speichert. Unser Gehirn geht in eine Art Notfallmodus: Das hat den Vorteil, dass der/die Betroffene die Situation zunächst wie durch einen Schleier erlebt. Aber es gibt auch einen großen Nachteil: Die schlimmen Erinnerungen werden nicht integriert, also mit anderen neuronalen Netzwerken verknüpft. Sie wirken dann unkontrolliert in die Gegenwart hinein, z.B. in Form von Triggern und Flashbacks, aber auch als unerklärliche Traurigkeit oder unkontrollierbare Wutausbrüche. Oft kommt es in Folge zu negativen Selbstüberzeugungen („Nur mir passiert immer so etwas…!“), die die Lebensqualität beeinflussen. Oft haben Betroffene den Eindruck, dass sie niemand verstehen kann. Kein Wunder, denn sie verstehen ihre Reaktionen ja oft selbst nicht.
EMDR (engl.: Eye Movement Desensitization and Reprocessing, deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung) ist vor fast 50 Jahren von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro entdeckt worden. Sie war an Krebs erkrankt und bemerkte während eines Spazierganges im Park, wie sich ihre niedergedrückte Stimmung veränderte, wenn sie zwischen zwei Bäumen rasch hin und her blickte. Sie begann, ihre Entdeckung zu einer Technik auszuarbeiten und probierte sie zunächst im Freundes- und Bekanntenkreis aus. Die Technik selbst hat sich bis heute nicht verändert: Während die Klienten ihre Augen hin- und her bewegen und dabei das Trauma verarbeiten, unterstützt der/die Therapeut/-in mit einer raschen Hin- und Herbewegung der Hände. Nach etwa 45 Sekunden gibt es eine kurze Pause und die/die Klient/-in schildert, was zuletzt an Eindrücken aufgetaucht ist. Wichtig ist dabei, den Assoziationen freien Lauf zu lassen, um den neuronalen Verarbeitungsprozess nicht zu stören. Die Sitzung ist abgeschlossen, wenn mindestens zweimal hintereinander positive oder neutrale Assoziationen auftauchen.
Francine Shapiro hat EMDR zu einer stark strukturierten Therapieform weiterentwickelt. Mit insgesamt acht Schritten wird ein Trauma verarbeitet. Die sorgfältige Vorbereitung ist ebenso wichtig wie die Nachbereitung, denn einerseits soll der Klient soll nicht unnötig belastet werden und andererseits soll das (positive) Ergebnis nachhaltig wirken.
Der Wirkmechanismus dieser Methode liegt in unserem Gehirn verborgen: Mit der schnellen Hin- und Herbewegung der Augen wird die Angstreaktion mehr und mehr abgeschwächt. Was nicht verarbeitet werden konnte bei einem Trauma, wird nun mit anderen neuronalen Netzwerken verknüpft. Mit bildgebenden Verfahren kann man beobachten, wie während des EMDR die Angstreaktion im Mittelhirn immer mehr abnimmt.
Ich setze EMDR sehr gern ein in der Traumatherapie. Denn hier kommt es darauf an, sich den Assoziationen während der Verarbeitung zu überlassen; es geht kaum um das Erzählen oder das therapeutische Gespräch. Weil ein Trauma immer mit sprachlosem Entsetzen verbunden ist, wirkt diese Methode sehr schonend und ist überaus effektiv.
Heute, fast 50 Jahre nach der Entdeckung, ist EMDR weltweit anerkannt als höchst wirksame Therapie. Inzwischen wird sie aber auch erfolgreich angewendet bei Ängsten, Depressionen, Zwangsstörungen oder versteinerter Trauer. Vor allem aber wirkt sie - wie ursprünglich gedacht - bei posttraumatischen Belastungsstörungen.
04/26
Vom Umgang mit Angst
Traumatisierende Erfahrungen gehen Hand in Hand mit Angst. Denn das zurückliegende Ereignis ist verknüpft mit äußerster Hilflosigkeit und Verzweiflung: „Ich konnte nichts dagegen tun und mich auch nicht wehren!“ Das ist der Kern von jedem Trauma.
Die Angst legt sich nicht einfach, wenn das Ereignis vorbei ist. Im Gegenteil, sie dauert vor allem dann an, wenn nicht ein einzelnes (Natur-) Ereignis zugrunde liegt, sondern vielleicht eine Kette von Ereignissen, die Menschen verursacht haben (man-made-trauma).
Diese zeigt sich in vielen Masken:
- Extreme Schreckhaftigkeit und Panikanfälle
- Angst, unter fremden Menschen zu sein und peinlich aufzufallen
- Angst vor bestimmten Objekten (Messer, Autos etc.)
- Übersteigerte Ängste, z.B. um das Wohlergehen nahestehender Menschen u.a.
All diesen übersteigerten Ängsten ist eines gemeinsam: Sie legen sich nicht im Lauf der Zeit, sondern schränken die Lebensqualität mehr und mehr ein. Denn unsere natürliche Reaktion auf Angst ist es, die (scheinbar) gefährlichen Situationen zu vermeiden. Ein normales soziales Leben ist unter diesen Bedingungen schwer möglich. „Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, ausser zum Einkaufen oder zur Arbeit. Und wenn ich unterwegs bin, achte ich darauf, niemanden anzuschauen“, sagt ein Klient.
Was hilft? Zunächst hilft es, die eigene Angst besser zu verstehen, denn sie beruht auf der heftigen und andauernden Stressreaktion unseres Körpers. Chronischer Stress bedeutet u.a.: Das Gleichgewicht zwischen sympathischen und parasympathischen Nervensystem ist nachhaltig gestört. Unser Nervensystem ist nicht mehr in der Lage, sich zu entspannen. In den vorangegangenen Kolumnen habe ich bereits einige Maßnahmen vorgestellt, mit denen unser parasympathisches Nervensystem gestärkt wird. Bestimmte Atemübungen (z.B. 4-7-11) sind hier das wichtigste Hilfsmittel, aber auch körperliche Bewegung in der Natur, Tageslicht und die Nähe vertrauter Menschen.
Der Griff zu Medikamenten scheint eine einfache Lösung. Aber sie helfen nicht jedem und - wenn die Angst traumabasiert ist - packen das Übel nicht an der Wurzel. Sie haben aber einen Vorteil: Sie können einen akuten Angstzustand lindern und helfen so, eine Traumatherapie durchzuführen.
Neue Studien haben interessante Zusammenhänge zwischen Angst, Stress und Ernährung nachgewiesen. Denn Zucker fördert stille Entzündungen im Körper („silent inflammations“), die zunächst oft unbemerkt verlaufen, aber mit einem erhöhten Risiko für Depressionen und Angstzustände verbunden sind. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die sogenannte Darm-Hirn-Achse: Wenn die Darmschleimhaut irritiert ist, z.B. durch ein Zuviel an zuckerreicher Ernährung, beeinflusst dies auch unser Gehirn. Denn die stillen Entzündungen entziehen unserem Körper das Glückshormon Serotonin und unsere mentale Gesundheit leidet.
Es entsteht ein Teufelskreis: Der Griff zur Gummibärchentüte ist in Stress- und Angstsituationen verlockend. Denn wenn wir Zucker konsumieren, setzt unser Gehirn Dopamin frei, ein Botenstoff, der mit Belohnung und Vergnügen in Verbindung gebracht wird (also mit allem, was in uns nach „Mehr davon“ schreit). Das kann vorübergehend die Stimmung aufhellen und scheinbar Stress abbauen.
Fällt der Blutzuckerspiegel dann wieder ab, steigt die Alarmbereitschaft des Körpers erneut. Der Körper schüttet vermehrt Adrenalin aus, um uns vor der Unterzuckerung zu schützen. Wird jetzt wieder Zucker zugeführt, schädigt dies auf Dauer die Darmschleimhaut mit den bereits genannten Folgen für die Darm-Hirn-Achse.
Gesunde Ernährung ist zwar kein Allheilmittel, aber doch ein wichtiger Baustein unserer mentalen Gesundheit. Das gilt vor allem für Menschen, die bereits unter Ängsten und anderen Traumafolgen leiden. Hier scheint die sogen. Mittelmeerdiät von großem Nutzen zu sein.
Angst gehört zu unserem Leben. In der Traumatherapie geht es daher nicht nur um Ängste, die unmittelbar mit dem Trauma zusammenhängen. Sondern auch um die Ängste, mit denen sich jeder Mensch auseinandersetzen muss: Die Angst vor dem Sterben und vor allem die Angst vor der Einsamkeit. Hier gibt es keine einfachen Antworten, denn menschliches Wissen stößt hier an seine Grenzen. Was möglich ist: Die Stimme des Vertrauens immer wieder zu stärken, damit sie größer ist als die Stimme der Angst. Alles, was die Verbundenheit mit anderen Menschen stärkt, tut der Seele gut und hilft, mit den existentiellen Ängsten zu leben. Und was die Traumaerfahrung angeht: Gerade Traumatisierte fühlen sich oft allein, selbst wenn sie es de facto nicht sind. Es fühlt sich an, als ob die schreckliche Erfahrung vom Rest der Menschheit trennt. Der Weg, Hilfe zu suchen ist dann ein erster Schritt in Richtung Heilung. Denn es bedeutet, wenigstens einem Menschen wieder Vertrauen schenken zu wollen - und gerade das muss in der Therapie immer wieder neu errungen werden.
Noch ein Tipp zum Abschluss: Probieren Sie doch mal Datteln oder Nüsse statt Gummibärchen! Datteln enthalten zwar Zucker, aber eben auch B-Vitamine und Magnesium. Das ist pures Soul-food für Nerven und Muskeln!
03/26
Über den Wert des Selbstmitgefühls
„Ich will nicht klagen!“ Kennen Sie diesen Satz? Vielleicht gibt es ja einen guten Grund zu klagen. Aber kommt es nicht viel mehr darauf an, sich zusammenzureißen, nach vorn zu schauen und die Dinge anzupacken! Klagen bringt nichts.
Aber halt, nicht so schnell! Wer sich die Klage verbietet, blockiert damit womöglich einen wichtigen Zwischenschritt. Denn das Leid verschwindet ja nicht einfach, wenn ihm keine Beachtung geschenkt wird. Im Gegenteil, wer dauerhaft „die Zähne zusammenbeißt“, bekommt vermutlich Nackenschmerzen.
Und der Weg in die innere Einsamkeit ist vorprogrammiert. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagt ein Sprichwort. Der Volksmund hat recht. Denn wer sein Leid in sich verschließt, wird auf Dauer einsamer und vermutlich auch kränker.
Ja, auch seelische Verletzungen schmerzen. Wie soll man damit umgehen? Nicht zufällig greifen viele zur Flasche oder zu Tabletten, um sich irgendwie selbst zu therapieren. Aber wenn der Schmerz nur betäubt und unterdrückt wird, findet unser Körper andere Wege, ihn auszudrücken, z.B. mit Muskelverhärtungen, Verdauungsproblemen, Bluthochdruck oder Kopfschmerzen.
Ja, Klage hat einen guten Sinn. Er oder sie zeigt dann Mitgefühl mit sich selbst. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht um Selbstmitleid, das eng verwandt ist mit dem Grübeln. Selbstmitgefühl ist der freundliche, wohlwollende Umgang mit sich selbst, gerade auch in schwierigen Situationen.
Die erste Aufmerksamkeit gehört unseren Körpersignalen. Denn wir spüren seelischen Schmerz zuallererst mit einer Körperreaktion. In einer traumatisierenden Situation beginnt das Herz zu rasen, wir zu schwitzen und atmen flach. Unser Gehirn bewertet die Situation: „Achtung, Gefahr!“ Vielleicht spitzt sich die Situation zu und es kommt zum sogenannten „Freeze“-Modus, wo kein aktives Handeln mehr möglich ist. Derjenige fühlt sich hilflos und wie gefangen.
Wenn die Situation vorbei ist, setzen die Selbsthilfekräfte die Heilung in Gang. Aber es gibt Fälle, wo sich die Trauma-Erfahrung im weiteren Verlauf verselbständigt. Dann entsteht ein zweites Leid: Eine verzerrte Selbst-Überzeugung. Zum Beispiel wird aus der erlebten Hilflosigkeit die Kognition: „Ich bin ein Mensch, der sich nicht wehren kann.“
Schon die antiken griechischen Stoiker wussten, dass sich das Leiden noch vergrößert, wenn das Ich geschwächt wird durch solche Abwertungen. Eine traumatisierende Situation verglichen sie mit einem ersten Pfeil, der eine Wunde verursacht. Sie könnte ohne Komplikationen ausheilen, wenn nicht ein zweiter Pfeil die Wunde zusätzlich infizieren würde. Der zweite Pfeil ist eine Bewertung des Leids, die das eigene Ich schwächt. „Du bist selbst schuld an diesem Unglück“ oder „Ich bin eben ein Pechvogel“ Solche negativen Selbstüberzeugungen kränken das Ich im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein gut entwickeltes Selbst-Mitgefühl wirkt wie ein Gegengift. „Ich habe getan, was ich konnte“ oder „Ich darf Fehler machen“ sind Beispiele für positive Kognitionen. Der Weg dorthin ist nicht einfach, weil die verzerrten Selbst-Überzeugungen oft tief verwurzelt sind. Es kann mühsam und anstrengend sein, sich dem eigenen Schmerz mitfühlend zuzuwenden anstatt die Klage einfach abzuwürgen. Oft ist eine Therapie notwendig, um die verzerrte Wahrnehmung der eigenen Person aufzulösen, z.B. mit EMDR. Wenn das gelingt, entsteht ein Freiraum, ein Weg heraus aus den festgefahrenen Überzeugungen. Das Vertrauen in die eigenen Kräfte kann wieder wachsen und so kann auch die ursprüngliche Wunde besser heilen.
Mit folgender Übung können Sie Ihr Selbst-Mitgefühl stärken:
Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit und vergegenwärtigen Sie sich eine Situation, die Sie belastet. Nun notieren Sie zwei Fragen:
- Was würde ich tun/sagen, wenn mein bester Freund/meine beste Freundin in dieser Lage wäre und mich um Hilfe bittet
- Wie gehe ich mit mir selbst in dieser Situation um?
Vergleichen Sie beide Antworten. Gibt es Unterschiede? Werden Sie sich selbst zum besten Freund/zur besten Freundin!
02/26
Dissoziation - ich bin dann mal weg
Mit Dissoziation beschreibt man in der Traumatherapie ein Spektrum an Seinszuständen. Das Spektrum reicht von ganz normalen Alltagssituationen bis hin zu schwersten Störungen und beschreibt die Fähigkeit, das Bewusstsein von Wahrnehmungen und Gefühlen zu trennen.
Menschen dissoziieren, wenn sie z.B. tagträumen: „Manchmal passiert es, dass ich mit dem Auto von A nach B fahre, ohne dass ich anschließend weiß, wie ich eigentlich an mein Ziel gekommen bin. Ich war so vertieft in meine Gedanken.“ Genau darum geht es in der Dissoziation: Das Bewusstsein, sich im Hier und Jetzt zu befinden, wird ausgeblendet; unser Gehirn spart auf diese Weise Energie.
Das Gegenteil von Dissoziation ist Assoziation, bei der Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle im Gehirn verknüpft und mit anderen neuronalen Netzwerken verknüpft werden. So entsteht mit der Zeit ein biographisches Ich. Dieses Ich kann Erfahrungen abspeichern und sie zeitlich und räumlich einordnen. Sie können jederzeit abgerufen und mit neuen Erfahrungen assoziiert werden: So ist Lernen möglich.
Mit der Fähigkeit zur Dissoziation schützt sich unser Gehirn vor Überforderung: Wenn z.B. Gefahr besteht, dass zu viele Reize das Gehirn fluten, filtert es bestimmte Reize heraus: Man sieht, hört oder spürt nicht mehr alles gleichzeitig. Das ist sinnvoll, denn so bleiben wir handlungsfähig. Das gilt auch für erlernte Fähigkeiten. Irgendwann können wir sie automatisch anwenden, ohne weiter darüber nachzudenken: Z.B. wenn wir etwas lesen und unser Gehirn die Buchstaben sinnvoll und schnell zu Wörtern zusammensetzen kann.
Die Fähigkeit zur Dissoziation kommt uns auch dann zugute, wenn wir mit Ausnahmesituationen konfrontiert sind. Viele kennen die Situation nach einem Unfall, bei dem man verletzt wurde. Die Schmerzen spürt man oft nicht sofort. Damit verschafft unser Gehirn uns Zeit, trotzdem handeln und uns evtl. in Sicherheit bringen zu können.
In anderen Fällen schützt uns Dissoziation davor, den ganzen Ausmaß des Schreckens realisieren zu müssen. „Ich stand einfach neben mir“, „Ich habe alles wie durch einen Schleier gesehen“, „Ich fühlte mich wie im falschen Film“, sind typische Äußerungen von Betroffenen. Auch hier verschafft uns unser Gehirn die Möglichkeit, weiter zu funktionieren und nicht im Schock nicht zusammenzubrechen. All dies sind Beispiele, wie sinnvoll Dissoziation sein kann, um einerseits Energie zu sparen oder schwierige Situationen zu bewältigen.
Aber Dissoziationen können auch chronisch werden und verursachen dann Leiden; in diesem Fall spricht man von Dissoziativen Symptomen bzw. Störungen. Auch hier gibt es wieder ein Spektrum leichter und schwerer Störungen: Angefangen von einem gehäuften „Wegtreten“ in Stress-Situationen bis hin zum Extremfall einer Dissoziativen Identitätsstörung (früher genannt: „Multiple Persönlichkeit“).
Dissoziative Symptome gehören zu den häufigsten Folgeerscheinungen einer nachhaltigen Traumatisierung. Vor allem dann, wenn diese in der Kindheit erfolgte. Eine Patientin sagt: „An meine Kindheit kann ich mich einfach nicht erinnern. Es muss wohl schön gewesen sein.“ In diesem Fall spricht man von Amnesie: Viele Jahre fehlen im biografischen Bewusstsein. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Trauma jener Jahre keine Rolle spielt. Es wirkt im Unterbewusstsein weiter. Wenn z.B. im Erwachsenenalter reale oder vermeintliche Gefahrensituationen auftreten, fallen die Reaktionen oft übersteigert aus, z.B. in Form von Jähzorn („Ich sah nur noch rot“), von Unterwerfung („Ich kann ja doch nichts tun“) oder panischer Flucht aus Alltagssituationen(„Nichts wie weg hier - Gefahr!“). Das erschwert ein Zusammenleben mit anderen Menschen, weil sie eine in ihren Augen übertriebene Reaktion nicht nachvollziehen können.
Traumatisierte Menschen werden zwangsläufig Meister in der Fähigkeit zu dissoziieren, etwas „wegzustecken“ oder innerlich „auszusteigen“. Genau diese Fähigkeit lässt sich in der Therapie aber auch nutzen. Denn sie hilft den Patienten in den verschiedenen Therapiephasen, sich vor der Überflutung mit traumatischen Erinnerungen zu schützen. In der Stabilisierungsphase z.B. kann er/sie die schrecklichen Eindrücke in einem imaginierten Tresor aufbewahren, bis genügend Kraft zur Bearbeitung gesammelt ist. So kann man verhindern, dass sich unliebsame Erinnerungen im Alltag aufdrängen. Später, in der Bearbeitungsphase kann Dissoziation helfen, das erwachsene Ich vor dem toxischen Material aus der Kindheit zu schützen und es trotzdem zu bearbeiten.
Viele traumatisierte Menschen haben Angst vor einer Therapie. Sie fürchten, den schrecklichen Erinnerungen nicht standhalten zu können und fortgeschwemmt zu werden. Ihre Fähigkeit zu dissoziieren zählt jedoch zu den Selbstheilungskräften, auf die sie - zusammen mit therapeutischer Unterstützung - bauen können.
01/26
„Wenigstens das ist mir geblieben“ - über das Leben nach dem Trauma
Traumata sind grundsätzlich nicht vergleichbar. Für den Betroffenen ist es alles andere als tröstlich, wenn sie hören müssen, wie XY mit schrecklichen Ereignissen fertig geworden ist: „Und der hat noch Schlimmeres erleben müssen!“ Wie jemand mit schlimmen Erinnerungen zurück ins Leben findet, hängt ab von den individuellen Ressourcen und vor allem von Menschen, die bei der Rückkehr ins Leben stützen und begleiten. Und doch sind Unterscheidungen von Traumatypen sinnvoll, um besser zu verstehen und helfen zu können.
Als Typ I Trauma bezeichnet man Ereignisse, die plötzlich und unvorhergesehen die normalen Bewältigungsstrategien eines Menschen überfordern. Das zugrunde liegende Ereignis ist von kurzer Dauer. Dazu zählen Unfälle, Naturkatastrophen, evtl auch einmalige Gewalterfahrungen (z.B. ein Überfall). Wer solche Schrecken erlebt, hat schwer daran zu tragen. Aber auch wenn der Heilungsprozess viel Kraft und Unterstützung braucht, sind Komplikationen und Folgestörungen eher nicht zu erwarten.
Anders ist es beim Typ II Trauma („man-made-desaster“). Darunter versteht man andauernde oder sich wiederholende Schrecken (Missbrauch und Vernachlässigung, fortgesetzte Gewalterfahrung, Kriegserfahrung, Folter). Hier reichen die eigenen Selbstheilungskräfte meist nicht aus und professionelle Hilfe ist erforderlich. Sind Kinder betroffen oder ist der Betreffende als Kind einem Typ II Trauma ausgesetzt gewesen, ist die Gefahr einer Folgestörung noch höher. Das können z.B. Depressionen sein, Ess- und Angststörungen oder Suchtverhalten.
Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Traumatypen ist: Sind die Schrecken willkürlich von Menschen verursacht („man-made-desaster“), ist zugleich das Urvertrauen in die Welt zerstört. „Mein Weltbild hat sich plötzlich auf den Kopf gestellt: Ich dachte immer, wer sich gut verhält, hat im Großen und Ganzen auch ein gutes Leben. Aber nun wurde meinem kleinen Bruder das Schlimmste angetan. Er hat doch immer das Beste gewollt für andere!“ sagt eine junge Jüdin, deren Bruder von Terroristen gefangen und ermordet wurde.
Wenn die eigene Sicht auf die Welt so zerstört wird, wie kann man wieder Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen? Wie kann die Welt nach einem solchen Ereignis als ein sicherer Ort erlebt werden? Wie kann Zukunft wieder leuchten?
Daher wird es bei der Therapie eines Typ II Trauma vor allem um Vertrauen und Bindung gehen. Denn zu Recht sind die Betroffenen misstrauisch nicht nur gegenüber der Therapeutin, sondern allgemein gegenüber anderen Menschen. Kontrolle über andere, Rückzug und Vermeidung von Gesellschaft werden umso wichtiger. Aber der Mensch ist ein Herdentier und Einsamkeit wirkt im menschlichen Körper wie ein schulischer Schmerz. Letztlich wird der Sinn des Lebens in Frage gestellt, wenn keine vertrauensvolle Beziehung mehr möglich scheint.
Umso wichtiger wird in der Therapie die Arbeit an den Ressourcen, vor allem der Bindungsfähigkeit. Die Übungen dazu sollten so oft wie möglich durchgeführt werden, denn unser Gehirn braucht Zeit und viele Wiederholungen, um sich an neue Blickwinkel zu gewöhnen. Eines hat der jungen Jüdin besonders geholfen: Täglich sammelt sie jetzt „Diamanten“. „Wenn ich jetzt zum Beispiel eine Katze auf der Straße sehe, den Jasmin rieche oder die Sonnenstrahlen auf der Haut spüre: Das alles tut mir gut. Früher hätte ich solchen Momenten kaum Beachtung geschenkt. Aber nun sind sie wie Diamanten in meinem Leben, die funkeln und leuchten. Und noch etwas hat sich geändert. Früher habe ich mich z.B. aufgeregt, wenn meine Kinder Unordnung gemacht haben. Wenn ich heute die Krümel unter dem Esstisch sehe oder mit meinen Eltern mal streite, dann denke ich: Wenigstens das ist mir geblieben! Das alles habe ich noch! In diesen Momenten bin ich fast sogar wieder glücklich.“
12/25
Wie soll ich nur diesen Tag überstehen? Über den Umgang mit schwierigen Jahrestagen
„Die Zeit heilt alle Wunden“, hört man oft. Tatsächlich? Wenn jemand mit einem Trauma belastet ist, ist dieser Satz grundfalsch. Ein unbearbeitetes Trauma verjährt nicht. Schlimmer noch, solche Ratschläge können Schaden anrichten. Denn bei den Betroffenen kann dann der Eindruck entstehen: „Eigentlich müsste ich doch schon viel weiter sein; schließlich ist das Schreckliche schon lange her.“ Solche Erwartungen können beschämend wirken.
Denn das Kennzeichen von unverarbeiteten Traumata ist ja gerade: Sie sind zeitlos. Wenn sich das Schreckliche im Kalender jährt, kann es sich für Betroffene so anfühlen, als sei alles ganz gegenwärtig. Wieder reagiert der Körper mit starkem Herzklopfen vielleicht, Schweißausbrüchen oder Schwindel. Emotionen wie Wut, Angst oder Traurigkeit kommen hoch, vielleicht eine gereizte Stimmung oder Unruhe.
Das betrifft nicht nur die Jahrestage von Traumata, sondern kann auch bei Festen - wie jetzt zu Weihnachten - den Betroffenen schwer zu schaffen machen. Denn während dem Anschein nach alle anderen sich auf das bevorstehende Fest freuen, kann sich bei den Betroffenen das Gefühl verstärken, ausgeschlossen zu sein. Denn zur seelischen Wunde eines Traumas gehört das Gefühl des Alleinseins, ja sogar niemandem wirklich vertrauen zu können. Verbundenheit mit anderen kann erst im Verlauf der Heilung erst wieder wachsen.
Was aber kann helfen, solche Jahrestage und -feste zu überstehen und den schwierigen Emotionen, der Unruhe und der Gereiztheit nicht ausgeliefert zu sein?
Das Wichtigste ist: Bereiten Sie sich vor und machen Sie einen Plan. Am besten mit Stift und Papier. Den Plan könnten Sie gut sichtbar in Ihre Wohnung hängen. Sammeln Sie Ideen! So kann es gelingen, Kontrolle zurückgewinnen und vielleicht sogar dem betreffenden Tag ein (inneres) Lächeln abzuringen: Ich schaffe es sogar an einem Tag wie diesem, mir etwas Gutes zu tun!
Die Selbstfürsorge hat viele Gesichter. „Am wichtigsten ist mir, dass jemand, z.B. mein Mann, erfährt, was an diesem Tag los ist und warum er mir bevorsteht. So kann ich meinen Schmerz mit einem anderen Menschen teilen,“ sagt eine junge Frau. Wer den Eindruck hat, es gäbe im Augenblick niemanden im eigenen Umfeld, kann immer noch zum Telefon greifen: Bei der Telefonseelsorge z.B. können Sie mit einem offenen Ohr rechnen. Oder fällt Schreiben leichter als reden? Die Telefonseelsorge bietet auch einen Chat an (www.telefonseelsorge.de).
Nicht nur die Seele, auch unser Körper will umsorgt sein. Vielleicht mögen Sie ein luxuriöses Bad nehmen? Und etwas Besonderes sich zum Essen überlegen?
Trauma bedeutet: Für die Betreffende gerät die Welt ins Wanken. Deshalb ist es so wichtig, dem Jahrestag oder dem bevorstehenden Festtag eine Struktur zu geben. Klare Zeitangaben helfen: Wann will ich aufstehen, wann zu Bett gehen? Wann möchte ich essen und meinen Körper pflegen? Damit antworte ich der negativen Überzeugung von damals („Ich kann nichts tun!“) mit meinem positiven Handeln heute. Heute kann ich etwas tun. Auch wenn es vielleicht nur ein kleiner Anfang ist. Aber auch ein kleiner Anfang stärkt die Hoffnung auf bessere Tage.
11/25
Achtung! Trigger!
Trigger gehören zum Leben mit einem Trauma. Aber nicht immer wird einem bewusst, wenn gerade ein Trigger seine Wirkung zeigt. Schließlich kann nach einem traumatischen Ereignis (oder einer Ereignisfolge) alles zum Trigger werden und im Körper wird dann eine Stresskaskade ausgelöst. Oft sind es Gerüche oder Geräusche, aber auch Farben, Orte, Gegenstände, Ähnlichkeit mit bestimmten Personen, die bei der Traumatisierung involviert waren. Typischerweise löst der Trigger-Reiz ein Verhalten aus, das nur sehr schwer kontrollierbar ist, etwa ein Zittern, Übelkeit, Fluchtgedanken, sich Wie-im-Nebel-fühlen, Angst oder eine plötzliche Wut. Dabei müssen nicht einmal Bilder von der ursprünglichen Trauma-Situation visualisiert werden, der Trigger kann ohne bewusste Erinnerungen wirken. Leider können Trigger können noch Jahrzehnte nach der Traumatisierung ihre Wirkung zeigen und das Leben sogar zunehmend einengen; sie sind wie ein Hinweis aus dem Unterbewusstsein: Achtung, hier gibt es noch Baustellen! Die erledigen sich leider nicht von selbst. Was kann man tun?
Ein Trauma wird nicht wie ein normales biographisches Ereignis im Gehirn abgespeichert, also ein Ereignis, das man erzählen kann und das einen Anfang, einen bestimmten Verlauf und ein Ende hat. Die Wucht des Ereignisses (oder der Ereignisfolge) überfordert den Menschen und seine/ihre Verarbeitungskapazitäten Das ist einerseits ein seelischer Schutz und dient dem Überleben, andererseits erschwert es die Ausheilung des Traumas. Denn es wird eben nicht als zusammenhängendes Erleben im Gehirn abgespeichert, sondern in Form von Fragmenten, Erinnerungsfetzen, Gefühlen und sensorischen Eindrücken. Und die können getriggert werden, das bedeutet: Unser Alarmzentrum im Gehirn reagiert so, als wäre das Trauma ganz gegenwärtig. Es spielt also keine Rolle, wie lange das Trauma her ist, Trigger wirken unabhängig von Raum und Zeit. Auf Außenstehende wirkt das Verhalten unangemessen und übertrieben, denn die Reaktion des/der Betroffenen steht in keinem angemessenen Verhältnis zum gegenwärtigen Ereignis. Hier zwei Beispiele: Eine Patientin erzählte, dass sie fluchtartig den Supermarkt verlassen musste, als der Geruch der Fleischtheke ihr in die Nase stieg. Ein anderer Patient erzählte von unkontrollierbaren Wutausbrüchen, wenn er im Dienst auf Fehler aufmerksam gemacht wurde.
Was kann man tun? Als erstes: Versuchen Sie, den Trigger zu identifizieren! Was war es, was das unangenehme Gefühl oder die körperliche Reaktion ausgelöst hat? Dies zu wissen, kann helfen, den Trigger (vorerst) zu meiden, bis er bearbeitet werden kann. Also: Drehen Sie sich weg, gehen Sie aus der Situation heraus und versuchen Sie, zur Ruhe zu kommen. Dafür sind bestimmte Atemübungen hilfreich (die Ausatmung sollte länger sein als die Einatmung), Grounding-Übungen (z.B. mit dem Füssen auf die Erde stampfen, um den Boden unter den Füßen zu spüren) oder kleine Schmerzreize (z.B. Pressen eines Igelballs). Wichtig ist, die extreme Anspannung wieder zu lösen. Manche haben sogar Mühe, sich in der Gegenwart zu orientieren. Dann hilft Ammoniak-Riechsalz, also ein starker (aber ungefährlicher) Reiz, um den getriggerten zustand zu unterbrechen.
Nehmen Sie Trigger als Signal Ihrer Selbsthilfekräfte wahr, auch wenn sie unangenehm sind und Ihre Lebensqualität einschränken. Traumatisierte Menschen warten meist sehr lange, bevor sie sich therapeutische Hilfe suchen. Aber die Erinnerungsfetzen wollen und sollen zu einer Erzählung zusammengefügt und als biografische Erinnerung abgespeichert werden. Genau darum geht es in einer Traumatherapie. Denn damit erlangen Sie die Freiheit, sich zu erinnern, Mitgefühl mit sich selbst zu entwickeln und die schlimmen Erinnerungen im Sinne der Selbsthilfekräfte zu formen.
Im Dezember-BLOG: Jahresfeste - wie überstehe ich schmerzhafte Tage
10/25
Was passiert zu Beginn einer ambulanten Traumatherapie?
Menschen, die von einem Trauma betroffen sind, haben den Eindruck, sich selbst fremd zu sein und anders zu sein als andere. Alle Lebensbereiche können beeinflusst sein: Sexualität, Arbeitsleben, Bindungen zu Familie und Freunde. Meist erfolgt der Anstoß, sich Hilfe zu suchen, von außen: Wenn Beziehungen ernsthaft belastet werden, der Job gefährdet ist und Freunde/Familie eindringlich raten, sich Unterstützung zu holen.
Die Therapie beginnt mit einer ausführlichen Diagnostik: Welche Symptome zeigen sich? Was belastet den/die Erkrankte vor allem? In jedem Fall hat er oder sie mit erheblichem Stress zu kämpfen, unabhängig davon, ob es sich um eine Anpassungsstörung handelt, um ein einfaches oder komplexes Trauma, um eine Depression oder um Trauer, die steckengeblieben ist, um nur einige Beispiele zu nennen. Zur Diagnostik gehört eine Anamnese: Hier geht es um Fragen, die die gegenwärtige Lebenssituation betreffen und die Biografie. Wer eine ambulante Traumatherapie beginnt, sollte in einigermaßen stabilen Verhältnissen leben, um sich ganz auf die seelische Heilung konzentrieren zu können. Auch eine stabile körperliche Verfassung ist wichtig. Notwendige akutmedizinische und Reha-Maßnahmen (z.B. nach einem Unfall) sollten abgeschlossen sein. Erst dann hat der/die Erkrankte die notwendige Energie, um sich dem Traumageschehen zuzuwenden.
Neben der gegenwärtigen Lebenssituation sind Angaben zur Biografie notwendig. In der Anfangsphase der Therapie geht es nur darum, einen groben Überblick zu gewinnen: Vielleicht sind dem/der Erkrankten noch gar nicht alle Umstände bewusst, die zur Traumatisierung geführt haben. Das hat gute Gründe und dient dem seelischen Schutz. Wenn die Zeit reif ist, werden sie im späteren Verlauf zur Sprache kommen.
Besonders wichtig ist die Frage nach den Zielen, die der/die Erkrankte mit der Therapie verfolgt. Woran würde er/sie merken, dass die Therapie greift? Die Ziele sollen möglichst konkret gefasst sein, um den Heilungsverlauf gut verfolgen zu können. Also nicht: „Es soll mir besser gehen!“, sondern z.B.: „Ich möchte einmal ein öffentliches Verkehrsmittel nutzen können.“ Von Anfang an soll der/die Klient/-in merken: Ich kann mir Ziele setzen und selbst etwas dafür tun, damit ich meine Ziele erreiche. Die dafür notwendigen Schritte kann ich planen und meinen Selbsthilfekräften vertrauen. So gewinne ich langsam die Kontrolle zurück über das, was mir geschehen ist. Deshalb sind in der Therapie auch Bilanzgespräche wichtig. Etwa nach 10 Sitzungen sollten folgende Fragen besprochen werden: Wie erlebt der/die Erkrankte die Therapie und die Therapeutin? Was hat geholfen, was war überflüssig? Was konnte im Hinblick auf die Ziele erreicht werden oder sind andere Ziele in den Blick geraten?
Im Mittelpunkt der Anfangsphase steht die Stabilisierung. Der/die Erkrankte lernt, den extremen Stress, der auch körperliche Auswirkungen hat, besser zu regulieren. Hilfreich sind Atemübungen, denn sie unterstützen die körperlich-seelische Entspannung und können überall angewendet werden. Besondere Aufmerksamkeit gilt den seelischen Ressourcen: Welche Ressourcen sind bereits vorhanden, welche werden im Verlauf der Therapie wieder entdeckt oder neu erschlossen? Die allerwichtigste Ressource ist der Überlebenswille: Traumatisierte Menschen sind nicht nur Verwundete. Sie sind vor allem Überlebenskünstler und dies ermöglicht eine andere, vielleicht ganz neue Sicht auf die eigene Person.
Eine direkte Arbeit an den Triggern, also den Auslösern für Trauma-beeinflusstes Verhalten, erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der/die Erkrankte stabil genug ist. In der Anfangsphase der Therapie geht es nur darum, mögliche Trigger zu identifizieren und sich bewußt zu werden, was in dabei im Körper vor sich geht. Mag das Zeitfenster auch noch so klein sein, bevor der Trigger wirkt: Die „Aura“ (das Vorgefühl, bevor der Trigger wirkt) kann der/die Erkrankte lernen zu nutzen, um Kontrolle über die Reaktion zurückzugewinnen.
Darum geht es im Novemberblog: Was sind Trigger und wie kann ich mir helfen?
09/25
Selbstwirksamkeit - eine Überzeugung, die stärkt
Wer ein Trauma durchlebt, wird zum Opfer der Geschehens: Es gibt nichts, was er oder sie dagegen tun kann. Wer so einen Alptraum erlebt hat, weiß, wie ausgeliefert und hilflos man sich in diesem Augenblick fühlt.
Um das Geschehen verarbeiten zu können, dürfen diese Gefühle und Körperwahrnehmungen („Ich fühlte mich wie gelähmt!“) sich nicht verfestigen. Denn dann entsteht leicht eine Selbstüberzeugung wie: „Was soll ich schon tun können? Ich bin viel zu schwach.“ Oft geht diese Selbstüberzeugung einher mit der mehr oder weniger ausgesprochenen Erwartung an andere Menschen, Unterstützung zu geben.
So entstehen Abhängigkeiten, die immer weiter das Selbstvertrauen untergraben und damit auch die Fähigkeit, das Leben in eigener Verantwortung zu leben. Wie vieles bleibt dann unerreicht und unerfüllt!
Das kann, muss aber nicht so sein nach traumatischen Ereignissen. Das Vertrauen in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten, (wieder) etwas bewirken zu können, spielt hier eine Schlüsselrolle. „Ich schraube gerade viel an Autos herum“, erzählt ein Klient. Was kaputt gegangen ist, kann wieder ganz werden - diese Erfahrung hilft dann auch in anderen Bereichen. Um so mehr, wenn man von sich sagen kann: Ich habe das geschafft. Ich kann einem reparaturbedürftigen Auto zu neuem Glanz verhelfen. Ich kann damit jemandem helfen, der auf das Auto angewiesen ist. Ich werde daher auch Schwierigeres schaffen.
Selbstwirksamkeit bezieht sich auf zweierlei: Zunächst ganz allgemein auf die Überzeugung, die Herausforderungen des Lebens meistern zu können. Das ist das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Es wächst, sobald wir auf der Welt sind. Zunächst helfen uns die angeborenen Reflexe und eine fürsorgliche Familie. Später aber lernen wir, selbst immer wieder aufzustehen, wenn wir hingefallen sind. Anders können wir nicht laufen lernen und die Welt entdecken. Gut, wenn liebevolle Erwachsene dies fördern. „Toll hast Du das gemacht!“ - dieser Satz stärkt das Selbstvertrauen des Kindes mehr als ein „Nein, das ist zu gefährlich!“.
Selbstwirksamkeit richtet sich aber auch auf konkrete Ziele. Eine 87jährige Frau plant eine dreiwöchige Japanreise mit ihrer Tochter und sagt: „Das muss noch drin sein!“ Wie jung und vital sie bei den Vorbereitungen wirkt!
In der Traumatherapie geht es zu allererst um Selbstwirksamkeit. Vor allem am Anfang, in der Stabilisierungsphase. Denn wer ohnmächtig und hilflos war in derv traumatisierenden Situation, muss wieder Zugang gewinnen zu dem Grundgefühl: „Ich kann etwas bewirken“. Und zwar ganz konkret, z.B. sich mit jemandem in einem Café zu treffen oder einen Ausflug zu planen. Egal, was es ist: Es beginnt mit kleinen und kleinsten Schritten. Aber es hat ein Ziel: Die Verbundenheit mit anderen (wieder) zu spüren und (wieder) neugierig und aktiv das Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Deshalb ist es so wichtig, in einer Traumatherapie ein klares Ziel zu verfolgen. Möglichst konkret. Denn der Wunsch einer Klientin „Ich möchte mich wieder freuen können!“ ist noch zu unpräzise. Woran würde sie denn merken, dass die Freude wieder da ist? Dieses Ziel in Worte fassen zu können, sie auf dem Weg dorthin unterstützend zu begleiten und sich mit ihr zu freuen über die gemachten Schritte, ist vielleicht der größte Erfolg in der Therapie.
Im Oktober soll es um die Einstiegsphase in einer Traumatherapie gehen: Warum ist Stabilisierung wichtig und wie kann sie gelingen?
08/25
Resilienz - unsere individuelle Widerstandskraft
Resilienz hilft uns, Krisen zu überstehen und sogar daran zu wachsen. Deshalb können viele Menschen aus eigener Kraft und ohne professionelle Hilfe ein Trauma überwinden. Dabei spielt die individuelle Konstitution eine Rolle, aber auch die Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Manchmal spüren Betroffene nur indirekt, wie sich eine Traumatisierung in ihrem Leben auswirkt. Denn sie vermeiden instinktiv alles, was irgendwie an das Schlimme erinnert. Ihr Unbewusstes warnt frühzeitig, wenn erneut Gefahr drohen könnte. Im Leben eines traumatisierten Menschen wirkt sich das nicht nur positiv aus.
Denn Flucht- oder Angriffsreaktion setzt bei traumatisierten Menschen nicht nur bei realen Gefahren ein. Oft wissen die Betroffenen nicht einmal genau, warum sie in bestimmten Situationen so angespannt sind, wütend werden oder einfach nur weg wollen. Das wirkt sich auch im Alltag aus, wenn mehr und mehr Situationen gemieden werden. Wie gewinnt man eigene Bewegungsfreiheit zurück? Das ist eine der wichtigsten Fragen in der Traumatherapie.
Eine Traumatherapie beginnt immer damit, sich der eigenen Ressourcen bewusst zu werden und neue zu erschließen. Denn erst wenn genug Kraft da ist, kann die Arbeit am eigentlichen Trauma beginnen. In ihrer Summe machen Ressourcen die Resilienz eines Menschen aus, also die individuelle Widerstandskraft.
Wer über eine hohe Resilienz verfügt, steht immer wieder auf. Selbst wenn es schwer fällt. „Ich lerne gerade zum vierten Mal das Laufen“, sagt ein Mann, der mehrfach am Knie operiert werden musste und zusätzlich an einer lebensbedrohlichen Krankheit leidet. Woher nimmt er die Kraft?
1) Ein stützendes Umfeld. Wer Freunde und Familie hat, die liebevoll begleiten, zieht daraus Kraft. Sie halten seine schwierigen Gefühle aus. Aber sie fordern ihn auch, z.B. sich professionelle Hilfe zu holen, wenn es nötig wird.
2) Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit. Das ist schwierig, wenn man wiederholt am Boden liegt und die Verzweiflung wächst. Was z.B. hilft, sind die Erinnerungen an Situationen, wo das Wiederaufstehen schon einmal geglückt ist.
3) Ein Ziel vor Augen zu haben. Warum macht es Sinn, wieder aufzustehen? Weil da kleine Kinder sind? Oder der geliebte Lebenspartner? Oder…? Jeder Mensch ahnt, was sein Herz, seine Seele brauchen und was Sinn macht.
Wer nach einem Trauma wieder aufsteht, bleibt nicht derselbe. Der Traum „Es soll wieder sein wie vorher“ ist eine Illusion. Etwas verändert sich. Vielleicht ist es der Blick auf das eigene Leben oder vielleicht werden die Prioritäten neu gesetzt. Vielleicht kann man sich als Teil eines großen Ganzen erleben, das die eigene Unvollkommenheit, das eigene Scheitern liebevoll umfasst. Dieser Weg ist nie zu Ende.
Im September-Blog geht es ausführlicher um die Selbstwirksamkeit.
07/25
Große und kleine Traumata
Traumatische Erfahrungen macht jeder Mensch im Leben. Denn wer hat sich nicht einmal ohnmächtig, ja ausgeliefert gefühlt? Starr vor Schreck und überwältigt von dem Gedanken: Das schaffe ich nicht, das halte ich nicht aus?
Das sind Kennzeichen von traumatischen Situationen. Normalerweise reagieren wir bei Gefahr mit Angriff oder Rückzug. Wenn aber ein Kampf aussichtslos und Flucht nicht möglich ist, greift eine dritte körperliche Reaktion: Die Erstarrung oder der Totstellreflex. Alle Säugetiere verfügen über diesen Reflex, den die Natur als letzte Überlebensmöglichkeit vorgesehen hat. Wenn Menschen vor Schreck oder Entsetzen erstarren, sind Gefühle ausgeschaltet. Menschen fühlen sich „wie in einem Film“, wie fremdgesteuert. Diese unwillkürliche Reaktion dient unserem Schutz: Unser Verstand erfasst nicht sofort das ganze Ausmaß des Schreckens und so gewinnt unser Organismus Zeit, um Kräfte zu sammeln.
In einer traumatischen Situation muss das Leben nicht direkt bedroht sein. Auch Angriffe auf die Psyche können traumatische Wirkung haben: Beschämungen, Entwertungen können dazu führen, dass man „im Boden versinken“ möchte. Auch als Zeuge, z.B. von Unfällen können Menschen von der Wucht der Eindrücke traumatisiert werden („sekundäre Traumatisierung“). Nicht zuletzt reißen Verluste von lieben Menschen seelische Wunden. Das bedeutet Trauma wortwörtlich: Eine Wunde. Das Besondere an dieser Wunde ist: Sie betrifft Körper, Geist und Seele.
Wie kann man eine solche Wunde versorgen?
Das Gute ist: Unser Organismus ist widerstandsfähiger, als wir es uns vorstellen können. So wie körperliche Wunden von selbst heilen können, geschieht dies auch bei Traumata. „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“ (Friedrich Nietzsche). Es gibt eine enge Verbindung von Lebenssinn und Resilienz, also seelischer Widerstandsfähigkeit. Aber die Heilung kann dauern. Vor allem dann, wenn der Sinn des eigenen Lebens neu gesucht werden muss.
Heilung heißt: Man kann sich an das Schlimme erinnern und weiß genau: Das Schlimmste ist vorbei. Nicht nur unser Verstand muss davon überzeugt sein, sondern unser ganzer Körper. Dabei helfen ein stützendes, liebevolles Umfeld, aber auch glückliche Erinnerungen, körperliche Bewegung und Spiritualität. Ja, sogar eine zuckerarme Ernährung und die Einschränkung des Alkoholkonsums können zur Heilung beitragen, mindestens aber zur Linderung der Beschwerden.
Machen Sie den Test: Wenn Sie sich an ein schlimmes Ereignis in Ihrem Leben erinnern und dabei spüren, wie Ihr Körper reagiert, z.B. mit Zittern, Gänsehaut oder einem flauen Gefühl im Bauch, sind dies wichtige Hinweise. Denn dann ist möglicherweise das Schlimme noch nicht vollständig „verdaut“. Könnte man es nicht einfach vergessen oder wenigstens beschweigen? Aber das kostet Kraft. Wieviel Energie und Lebensfreude wird damit gebunden!
„I love my life“ - so heißt ein Songtitel von Robbie Williams. So soll es sich (wieder) anfühlen, wenn das Schlimme wirklich vergangen ist: „I love my life! I am powerful, I am beautiful, I am free!“ (Robbie Williams)
Der nächste Blogeintrag beschäftigt sich mit Resilienz und erscheint Anfang August
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